Was macht eigentlich ⊠das Legierungselement Chrom im Stahl?
Chrom ist ein richtiger âTausendsassaâ. Das Legieren mit dem Element Chrom (Cr) hat Auswirkungen auf zahlreiche Stahl Eigenschaften. Durch Erhöhung des Chromgehaltes erreichen wir bei StĂ€hlen unter anderem eine:
- Erhöhung der Zugfestigkeit,
- Erhöhung der VerschleiĂbestĂ€ndigkeit,
- Erhöhung der EinhÀrtbarkeit,
- Verbesserung der VergĂŒtbarkeit,
- Erhöhung der ZunderbestÀndigkeit,
- Erhöhung der Warmfestigkeit und der AnlassbestÀndigkeit,
- Erhöhung der KorrosionsbestÀndigkeit,
- Erhöhung der RandschichthÀrte beim Nitrieren,
- Erhöhung der Druckwasserstoff-BestÀndigkeit,
- Verringerung der WÀrmeleitfÀhigkeit und der elektrischen LeitfÀhigkeit.
Angesichts dieser Liste stellen sich folgende Fragen: Warum fĂŒhrt die Zugabe von Chrom zu all diesen EigenschaftsĂ€nderungen bei StĂ€hlen? Haben die zahlreichen Wirkungen des Chroms ebenso zahlreiche Ursachen, oder können diese Wirkungen auf einige wenige Eigenschaften des Chroms zurĂŒckgefĂŒhrt werden? Um diese Fragen beantworten zu können, klĂ€ren wir zunĂ€chst, wie ein unlegierter Stahl âfunktioniertâ.
Unlegierter Stahl besteht aus Eisen (Fe) und Kohlenstoff (C). Die allermeisten C-Atome verbinden sich mit den Fe-Atomen zu Eisenkarbiden. Form, GröĂe und Anzahl der harten Eisenkarbide im vergleichsweise weichen Fe-Kristallgitter des Stahls bestimmen seine Eigenschaften (VergĂŒten). Die harten Eisenkarbide behindern z.B. die Bewegung von Versetzungen und sorgen so fĂŒr hohe Festigkeit.
Die harten Eisenkarbide verbessern zudem die VerschleiĂbestĂ€ndigkeit des Eisens, das durch Zugabe von (max. 2%) Kohlenstoff zum Stahl wird. Bei hohen Temperaturen verĂ€ndern die Eisenkarbide ihre Morphologie, und oberhalb von ca. 720°C beginnt ihr vollstĂ€ndiger Zerfall. Das schrĂ€nkt die Einsatzmöglichkeiten unlegierter StĂ€hle bei hohen Temperaturen stark ein.

Chrom als Element im Periodensystem: Periode 4, Gruppe 6, Element-Nr.: 24
In Anwesenheit von Sauerstoff bilden die Eisenatome des Stahls mit dem Sauerstoff Oxide. Das Eisenoxid, das bei niedrigen Temperaturen und in Anwesenheit von Feuchtigkeit entsteht, nennen wir Rost. Das Eisenoxid, das sich bei sehr hohen Temperaturen â beispielsweise im Schmiedeofen (und damit in Abwesenheit von Wasser) â bildet, nennen wir Zunder.
Nun kommen wir zurĂŒck zum Chrom. Wir werden sehen, dass sich die vielfĂ€ltigen Wirkungen des Elements Chroms auf wenige Eigenschaften des Chroms zurĂŒckfĂŒhren lassen, wobei einige Eigenschaften mehrfache Wirkung erzielen:
- Chrom âkann besser mit Kohlenstoff als Eisenâ. Das bedeutet, dass sich Cr- und C-Atome zu Chromkarbiden verbinden, die hĂ€rter und temperaturbestĂ€ndiger sind, als die Eisenkarbide. Dies erklĂ€rt die oben genannten Punkte 1, 2, 6 und 9. Zum Punkt 9 einige Worte mehr: Ist Stahl bei hohen Temperaturen und DrĂŒcken wasserstoffhaltigen Medien ausgesetzt, so dringt Wasserstoff in den Stahl ein und verbindet sich mit dem Kohlenstoff des Stahls z.B. zu Methan. Wird dem Stahl aber auf diese Art der Kohlenstoff entzogen, so verliert er die strukturelle IntegritĂ€t und versagt schlieĂlich. DruckwasserstoffbestĂ€ndigkeit erreicht man, wenn der Kohlenstoff im Stahl durch Elemente abgebunden wird, die starke Bindungen mit Kohlenstoff eingehen. Zu diesen Elementen gehört Chrom.
- Chrom âkann besser mit Sauerstoff als Eisenâ. Das bedeutet, dass Chrom und Sauerstoff âwiderstandsfĂ€higereâ Verbindungen bilden, als es Eisen und Sauerstoff tun. Dies erklĂ€rt die Punkte 5 und 7. Sind mindestens 12% Chrom im Stahl gelöst, dann bildet sich auf der BauteiloberflĂ€che eine dĂŒnne, aber fĂŒr Sauerstoff nahezu undurchdringliche, Chromoxidschicht, die ein Rosten des Stahls verhindert. Rostfreie StĂ€hle enthalten daher mindestens 12% Chrom. Diese Cr-Atome dĂŒrfen aber nicht in Form von Chromkarbiden gebunden sein. Da Chrom aber auch mit Kohlenstoff âgut kannâ, sind ĂŒblicherweise deutlich mehr als 12% Chrom in nichtrostenden StĂ€hlen enthalten, damit 12% âfreieâ Cr-Atome verbleiben, nachdem der Kohlenstoff vom Chrom âbedientâ wurde.
- Chrom âkann sehr gut mit Stickstoffâ. Dies erklĂ€rt Punkt 8 (und zu Teilen auch die Punkte 2 und 7). NitrierstĂ€hle sind hĂ€ufig chromlegiert mit dem Ziel, dass die Stickstoffatome, die beim Nitrieren in die OberflĂ€che des Stahlbauteils hinein diffundieren, sich u.a. mit Chrom verbinden und auf diese Weise sehr harte Chromnitride bilden.
- Befindet sich Chrom im Stahl, dann behindert es die Bewegung (Diffusion) der C- und Fe-Atome im Fe-Kristallgitter des Stahls. Das geschieht unabhĂ€ngig davon, ob die Chromatome frei oder gebunden sind. Die Diffusionsprozesse, die bei der WĂ€rmebehandlung von Stahl ablaufen, bestimmen ganz wesentlich das GefĂŒge und damit die Werkstoffeigenschaften, die im Zuge der WĂ€rmebehandlung entstehen. Wird die Diffusion stark behindert, so entsteht ein GefĂŒge, fĂŒr dessen Bildung Diffusion nicht notwendig ist. Dieses GefĂŒge nennen wir Martensit (VergĂŒten). Diese Diffusionsbehinderung erklĂ€rt die Punkte 1, 2, 3 und 4.
- Chrom behindert aber nicht nur die Beweglichkeit der Fe- und C-Atome, sondern auch die der freien Elektronen des Stahls. Da die Elektronen der Metalle aber maĂgeblich die elektrische LeitfĂ€higkeit und die WĂ€rmeleitfĂ€higkeit bestimmen, ist somit auch Punkt 10 erklĂ€rt.
Wir können zusammenfassen:
Es ist die hohe AffinitĂ€t des Chroms zu Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff, mit der sich ein GroĂteil der Eigenschaften chromlegierter StĂ€hle erklĂ€ren lĂ€sst. Will man die VerschleiĂbestĂ€ndigkeit und die Warmfestigkeit von StĂ€hlen deutlich ĂŒber das Niveau der chromlegierten StĂ€hle hinaus anheben, so mĂŒssen Legierungselemente eingesetzt werden, deren Karbide noch hĂ€rter und noch temperaturbestĂ€ndiger sind, als die des Chroms. Wolfram, Vanadium, MolybdĂ€n und Kobalt sind solche Elemente, und sie alle kommen in SchnellarbeitsstĂ€hlen zum Einsatz.
Was die Behinderung der Diffusion von Elektronen betrifft, so gilt das oben Geschriebene fĂŒr alle Legierungselemente des Stahls gleichermaĂen, und nicht nur fĂŒr Chrom. Kaffeebecher werden aus diesem Grunde gern aus austenitischem Stahl (ca. 18% Chrom und ca. 10% Nickel) gefertigt â nicht nur, weil dieser Stahl nicht rostet, sondern weil die WĂ€rmeleitfĂ€higkeit dieses hochlegierten Stahls sehr niedrig ist. Dagegen wĂ€re ein Kaffeebecher aus Silber (ebenfalls nichtrostend) einfach gemein âŠ
Weitere Informationen zum Element Chrom gibt’s auf Wikipedia.
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Categories MaterialtestCenter, Werkstoffe
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